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Begegnungen der besonderen Art

Anna 

2002 
  Ich war mit MVS nach Worpswede gefahren zum 2. Treffen der 'gruppe-vier-w:'  Die Aufregung war nicht so groß , wie im Jahr zuvor ,aber ich war doch gespannt auf die 'Neuen'
Anna und Amygdala.

- Annas Gedichte hatten mich zunächst befangen gemacht, weil ich spürte, daß zwischen ihr und mir  eine Art emotionale Verwandtschaft geben müsse. Sie  schrieb, wie ich eigentlich schreiben wollte.
Mir gefiel ihre unverschnörkelte Sprache,
die bei aller Schlichtheit eine Art inneres Pathos besitzt, welches man nicht an Worten oder Sätzen festmachen kann. Es vibririert. Vielleicht ist Pathos der falsche Ausdruck - ich meine ein sehr starkes Gefühl, das sich mitteilt in einfachen Worten.
Ihre Bilder sind nicht immer so einfach;  wirken aber auch bei  Rätselhaftigkeit niemals 'aufgesetzt'. -

Während MVS und ich auf Ankömmlinge warteten, kam Bernd Hutschenreuther auf uns zu. Er hatte geschrieben, daß er diesmal mit seiner Frau käme, da sie silberne Hochzeit hätten. Verständlicherweise hielt ich die Frau an seiner Seite  für die seine und begrüßte sie freundlich.

"Weißt du wer ich bin?" fragte sie mich.

"Bernds Frau", antwortete ich. 

" Ich bin Anna ", sagte sie.


 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 






Septembermond 

Ob es schon Herbst ist, 
denkt sie, er scheint 
so anders heut, 
fast so wie damals, 
als so vieles 
anders schien ... 

Mit diesem Licht 
holt er ihr Gestern 
aus dem Schweigen 
und streicht die 
Ecken glatt und 
breitet es aus 
über den Dächern der Stadt 
und zeigt ihr Straßen, 
die noch ohne 
Namen sind. 

In dieser Nacht 
schreibt sie sich 
in ihr Morgen 
über einen Mond 
mit einem Licht, 
das nachdunkelt 
unter der Haut. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 


 

                          


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Die Korallenfängerin

manchmal sieht sie ein Schiff 
vorbeiziehn und versinken 
an einem Ort weit hinter ihrer Welt 

manchmal kehrt eins zurück, 
dann kommen auch die Vögel, 
manche lachen 

und manchmal, wenn die Nacht 
voll Mond ist und der Wind noch leer, 
dann ist sie vor den Wellen dort 

und alles, was vom Tage übrig blieb, 
fängt sie mit ihren Blicken ein 



Blaue Reise

Sie sitzt am Fenster 
und sie schaut 
auf die bewegte Zeit, 
Erwartung 
legt sich auf die Haut 
wie eine warme Decke. 
Der Zug hält an 
und sie steigt aus 
im leichten Kleid. 

Minuten später dann 
entgleist ihr Tag 

auf grader Strecke 




die Reise der Äpfel

Ein heller Wind 
geht schon seit Wochen 
um das Haus 
und legt mir Tag für Tag 
ein Tuch aus fernen Gärten 
vor die Tür. 

Die ersten Stare sind zurück. 

Am frühen Morgen 
sitzen drei von ihnen 
regungslos 
im Apfelbaum, 
noch stumm vom Winter 
und vom Weg. 

Nur einer 
lärmt sich munter 
in den neuen Tag 
und sucht schon aufgeregt 
unter dem alten Laub 
die Sonne. 

Vielleicht waren sie auch nie fort



Andromeda

Gedanken steigen wie aus einem Weiher, 
verweben sich in deine fernen Schleier 
aus Schwarz und Grau und milchigtrübem Weiß, 

wollen mit Jupiter den Krebs durchstreifen, 
im Kepheus nach dem roten Apfel greifen 
und werden dann im Maul des Fischs zu Eis. 

Jetzt sind die Nächte länger als die Tage, 
die Venus wechselt in das Bild der Waage, 
das Dreieck wird zum Viereck, wird zum Kreis. 



Julimond

Am Ende eines 
tiefen 
Tages 

flicht der Hibiskus 
seinen letzten 
Duft 
blauviolett 
ins 
Haar 
der Nacht 

und Spinnen 
legen 
blasse Seidendecken 
auf die 
Zeit 

hell über allem 
fern und 
immer 

Julimond 

 

Septembermoond 

Of dat al Harvst is, 
dinkt se, he schient 
so anners hüüt, 
jüst so as domols, 
as so vääl so anners 
schienen dä ... 

Un mit sien Licht 
holt he ehr Güstern 
ut dat Swiegen 
un striekt de Ecken glatt 
un leggt dat wiet 
över de Bööm 
un över de Hüüs 
un wiest ehr Stroten, 
de noch sünner 
Nooms sünd. 

In disse Nacht 
schrifft se sik 
in ehr Morgen 
över en´n Moond 
mit en´n Licht, 
dat nodüstern deit 
ünner de Huut. 



Käferlachen

mit ihrem Finger 
malt sie Sonnen auf die 
beschlagene Scheibe des Fensters 
so wie sie immer Sonnen malt 
auf beschlagenes Glas 
lauter lachende 
Sonnen 

nach einer Weile 
krabbeln von den Strahlen 
kleine Käfer die Scheibe hinab 
und ertrinken unter den triefäugigen 
Blicken hochbeiniger Spinnen 
in den Pfützen auf 
dem Rahmen 



In Ambra

Im frühen Sand, 
noch feucht von der Nacht, 
entdecke ich zwischen 
Muscheln und Tang 
eine Träne der Freya, 
perlend getragen 
von flüssiger Zeit, 
dunkel vom Licht, 
matt vom Salz 
und vom Wind. 

Später erst, 
weit fort vom Meer, 
finde ich darin 
die Sprache der Fische. 



Matinee

Was für ein Fest! 

Man lacht 
und trinkt 
an allen Tischen. 

Aus einem 
umgestürzten Glas 
versickert 
beinah unbemerkt 
verbleites Rot 
in einem Raum 
dazwischen. 




Komprimiert

Gestern verbrannte ich 
das alte Jahr, 
weil ich es nicht 
begraben mag. 

Nun passt die Asche 
wunderbar 
in eine Nacht 
und einen achtel Tag. 




Bin ein Sommer im Abend 

Kurz hinter Cherbourg. 

Helle Ränder auf den Tischen. 
Schnittmengen von Stunden, 
von Jahren. 

Une cigarette? 
Merci, mais je ne fume plus ... 
Ein Lachen. Helle Augen. 
Zuerst Kaffee, später Wein. 
Erdiges rinnt die Kehle hinab. 
Und Worte. Rot und leicht. 

Encore un vin? 
Anderes schenkt sich ungefragt ein. 
Strömt ins Sonnengeflecht. 
Und weiter. Wie Musik. 
Ein Lied, Jacques Brel, 
Je suis un soir d’ été ... 
Ein Bart, der weich sein wird. 

Das Schiff geht früh. 
Wortkarges Licht. Ungefiltertes 
zwischen den Laken. Über dem Bett 
ein vergilbter Druck. Dürers Mutter. 
Wieder ein Lachen. Am Fenster 
ein letzter, tiefer Zug. 

Im Foyer zwei Katzen. 
Ein Mann mit müden Händen. 
L'addition, s'il vous plait. 
Es ist Tag. 

Kurz hinter Cherbourg. 



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