Hans der
Schneider
Es ist noch gar nicht lange her, da zog ein junger Schneider mit dem Namen
Hans in die Welt hinaus, um sein Glück zu machen. Sein Beruf gefiel ihm
nicht mehr, und noch weniger gefiel ihm, daß man ihn allerorts
‚Hans der Schneider' nannte.
Als er so durch die Lande zog, sann er
darüber nach, was er wohl lieber wäre, als Schneider. " Ach",
sprach er zu sich, "am allerliebsten wäre ich doch König. Da ginge
es mir gut. Ich hätte ein schönes Reich und alle würden mich ehren und
niemand mehr würde mich ‚Hans der Schneider' nennen, sondern ‚Eure
Majestät' oder ‚König Hans'. " Der Zufall führte ihn geradewegs
in das Land Fantasie, das so groß ist, daß alle Menschen darin Platz
haben. Dort wachsen die erstaunlichsten Pflanzen und treiben die
seltsamsten Blüten; die wundersamsten Tiere leben da in Frieden
miteinander und mit den Menschen. Dort steht die Zeit still. Wenn für die
einen Morgen ist, ist für die anderen Abend und umgekehrt. Niemand leidet
Mangel, denn die Gedanken und die Wünsche sind frei.
"Hier will ich bleiben", dachte sich der Schneider, "in
diesem großen Reich, muß es doch möglich sein, ein kleines Königreich
zu errichten. Und so war es auch. Im Land der Fantasie, genügt es einen
Wunsch auszusprechen und er wird erfüllt. - Nun war Hans also König in
einem kleinen Reich, und er hatte einen kleinen Palast und einige Diener,
auch Pferd und Wagen und was man sonst noch als König braucht. An das Tor
seines Palastes hängte er ein Schild auf dem stand: Hier wohnt Hans der König.
Und Hans machte sich an die Arbeit. Er
entwarf Regeln und Gesetze nach denen sein Königreich regiert werden
sollte. - Als er damit fertig war, sah er, daß er kein Volk hatte, das er
regieren konnte. Da machte er sich auf und durchstreifte das Land
Fantasie von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Wo immer er auf
Menschen traf, lud er sie ein, sein Königreich zu besuchen, es solle
ihnen an nichts fehlen. Und wirklich, viele kamen zu sehen, was es mit
diesem neuen Königreich auf sich habe. Und wenn es ihnen gefiel, blieben
sie und richteten sich ein. Was für Leute waren das, die da kamen? Es
waren Künstler, Sänger, Träumer, Dichter, Gaukler und Spieler, Verrückte,
Clowns und ernste Menschen, und jeder fand seinen Platz. Sie schrieben
sangen, spielten, daß es eine einzige Freude war, und der Ruhm des
kleinen Königreiches verbreitete sich in Fantasien wie ein Lauffeuer.
Hans, der König betrachtete das Tun seines Volkes mit Wohlgefallen, nur
daß ihn seine Untertanen nicht mit ‚Eure Majestät' anreden wollten,
verdross ihn ein wenig. Für diesen Mangel an Respekt machte er jedoch
seine Jugend verantwortlich und versuchte das wett zumachen durch Ernst
und Fleiß, indem er auf die Einhaltung der Gesetze achtete.
Damit er von allen gesehen wurde, beschaffte er sich eine Thron. Angetan
mit einem roten Samtmantel und einer roten Samtmütze, anstelle einer
Krone - denn so etwas gab es in ganz Fantasien nicht -, saß Hans auf seinem
Thron und regierte. Die Leute freuten sich über ihren hübschen, fleißigen
jungen König, klopften ihm auf die Schulter und wünschten ihm einen
guten Tag. "Das machst du prima, Hans" sagten seine Untertanen,
aber sonst kümmerten sie sich nicht weiter um ihn, sondern hängten ihre
Köpfe in die Wolken und dichteten.
Wo so viele Freigeister beieinander lebten, geschah es hin und wieder, daß sie miteinander in Streit gerieten. Dann schossen sie mit Papierkügelchen
aufeinander und pieksten sich gegenseitig mit dem Bleistift. Der Schaden
war nicht groß, es entstand nur ein wenig dicke Luft über dem Königreich,
die sich meist schnell wieder verzog. - Aber Hans der König beschloss,
ein wenig für Ordnung zu sorgen in seinem Reich, denn es war nicht
hinzunehmen, daß die Sitten verwahrlosten und jeder tat was er wollte.
" Ein Zepter brauche ich, sonst nehmen sie mich nicht ernst",
dachte sich der König und sah nach, was sich unter den Schätzen seines
Reiches finden ließe. Aber nirgendwo fand sich ein Zepter. Da
fiel sein Blick eines Tages auf das Bündel, mit dem er aus der Heimat
ausgezogen war, und als er es öffnete rollte ihm ein Fingerhut entgegen
und weiter unten im Sack blinkte eine große Schere. Er griff danach und
wunderte sich darüber, daß er vergessen hatte, wie schön
diese Schere war, lang und spitz, schlank und glatt und herrlich blank. Bei jeder Bewegung
blitzten kleine Strahlen auf. Der König strich sich über
seinen erst seit kurzem gewachsenen Bart, der ihm ein würdiges Aussehen verlieh und
dachte nach. "Warum nicht diese Schere als Zepter verwenden?"
sprach er bei sich. Gesagt getan, fortan saß er auf seinem Thron, die
Schere als Zepter in der Hand, und der Fingerhut
steckte auf seinem Zeigefinger; damit deutete er auf die Übermütigen und
rief sie zur Ordnung.
Das Volk war gutmütig, lachte und warf ihm Kußhändchen zu. Da war ein
junges Ding von unverschämter Schönheit und Witz, die winkte am
heftigsten und lachte am lautesten. Und ihre Kusshändchen wurden
begleitet von Schmetterlingen und Marienkäfern, die kamen von einem ganz
besonderen Ort. Und der König entflammte vor Liebe. Aber mehr als zurückzuwinken,
traute er sich nicht. Eines Tages bemerkte er, daß einer seiner
Untertanen ein Briefchen an die Schöne geschrieben hatte, denn
alle Post des kleinen Reiches ging über den königlichen Schreibtisch.
Das Briefchen erboste den König, und ehe er sich's versah und ohne, daß
er es eigentlich wollte, machte er mit seiner Schere "Schnipp, schnapp", und das kecke
Briefchen war nichts mehr als ein
paar weiße Schnipsel auf dem königlichen Teppich. Der König erschrak,
als er die Schnipsel zu seinen Füssen sah und kehrte sie
geschwind unter den Teppich. Doch bald schon kamen sie wieder ans
Tageslicht, als die alte Dienerin den Teppich ausklopfen wollte.
"Eure Majestät", sagte sie, "was ist denn das für ein
Geschnipsel unter dem Teppich?" Der König errötete und ärgerte
sich über sein Erröten. "So ergeht es jedem, der die Regeln nicht
beachtet", sagte er leicht dahin. Die Dienerin schüttelte den Kopf
und antwortete: "Nicht im Land Fantasie, mein König... da gibt es
keine Strafen, denn jeder ist freiwillig gekommen und jeder kann
freiwillig gehen, und nichts und niemand kann ihn halten".
Da schämte
sich Hans der König und gelobte Besserung. Seine Schere warf er in den
großen See der Tränen, die einst ein anderes Volk vergossen hatte um,
einen großen Sänger und Dichter, der umgebracht wurde, weil sein König
und er das gleiche Mädchen liebten. Jeder, der diese Geschichte gehört
hat, hat sie weiter erzählt, und so wurden die beiden unsterblich.
Hans der König wurde nicht unsterblich, aber er soll fortan
ein guter, gerechter, großzügiger Herrscher geworden sein... so steht es
geschrieben.
26.04.2000