madonnas archiv

April / Mai 2000

Zu "Hans der Schneider" und 
"rrah rrah" 

Das Märchen "Hans der Schneider" entstand im °NEUzeitliches Forum für JUNGzeitliche Literatur°, geleitet von Martin R, nachdem dieser zum ersten mal dort Beiträge seiner eigenen Autoren entfernt hatte, weil sie ihm nicht in sein Konzept passten. Für einige Streichungen hat er sich später entschuldigt.
Das Märchen hat einen versöhnlichen Ausgang, weil ich damals glaubte, er habe etwas aus den Vorfällen gelernt.

 

 

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Hans der Schneider


Es ist noch gar nicht lange her, da zog ein junger Schneider mit dem Namen Hans in die Welt hinaus, um sein Glück zu machen. Sein Beruf gefiel ihm nicht mehr, und noch weniger gefiel ihm, daß man ihn allerorts ‚Hans der Schneider' nannte. 
Als er so durch die Lande zog, sann er darüber nach, was er wohl lieber wäre, als Schneider. " Ach", sprach er zu sich, "am allerliebsten wäre ich doch König. Da ginge es mir gut. Ich hätte ein schönes Reich und alle würden mich ehren und niemand mehr würde mich ‚Hans der Schneider' nennen, sondern ‚Eure Majestät' oder ‚König Hans'. " Der Zufall führte ihn geradewegs in das Land Fantasie, das so groß ist, daß alle Menschen darin Platz haben. Dort wachsen die erstaunlichsten Pflanzen und treiben die seltsamsten Blüten; die wundersamsten Tiere leben da in Frieden miteinander und mit den Menschen. Dort steht die Zeit still. Wenn für die einen Morgen ist, ist für die anderen Abend und umgekehrt. Niemand leidet Mangel, denn die Gedanken und die Wünsche sind frei.

"Hier will ich bleiben", dachte sich der Schneider, "in diesem großen Reich, muß es doch möglich sein, ein kleines Königreich zu errichten. Und so war es auch. Im Land der Fantasie, genügt es einen Wunsch auszusprechen und er wird erfüllt. - Nun war Hans also König in einem kleinen Reich, und er hatte einen kleinen Palast und einige Diener, auch Pferd und Wagen und was man sonst noch als König braucht. An das Tor seines Palastes hängte er ein Schild auf dem stand: Hier wohnt Hans der König. Und Hans machte sich an die Arbeit.  Er entwarf Regeln und Gesetze nach denen sein Königreich regiert werden sollte. - Als er damit fertig war, sah er, daß er kein Volk hatte, das er regieren konnte. Da machte er sich auf und durchstreifte das Land Fantasie von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Wo immer er auf Menschen traf, lud er sie ein, sein Königreich zu besuchen, es solle ihnen an nichts fehlen. Und wirklich, viele kamen zu sehen, was es mit diesem neuen Königreich auf sich habe. Und wenn es ihnen gefiel, blieben sie und richteten sich ein. Was für Leute waren das, die da kamen? Es waren Künstler, Sänger, Träumer, Dichter, Gaukler und Spieler, Verrückte, Clowns und ernste Menschen, und jeder fand seinen Platz. Sie schrieben sangen, spielten, daß es eine einzige Freude war, und der Ruhm des kleinen Königreiches verbreitete sich in Fantasien wie ein Lauffeuer. Hans, der König betrachtete das Tun seines Volkes mit Wohlgefallen, nur daß ihn seine Untertanen nicht mit ‚Eure Majestät' anreden wollten, verdross ihn ein wenig. Für diesen Mangel an Respekt machte er jedoch seine Jugend verantwortlich und versuchte das wett zumachen durch Ernst und Fleiß, indem er auf die Einhaltung der Gesetze achtete.

Damit er von allen gesehen wurde, beschaffte er sich eine Thron. Angetan mit einem roten Samtmantel und einer roten Samtmütze, anstelle einer Krone - denn so etwas gab es in ganz Fantasien nicht -, saß Hans auf seinem Thron und regierte. Die Leute freuten sich über ihren hübschen, fleißigen jungen König, klopften ihm auf die Schulter und wünschten ihm einen guten Tag. "Das machst du prima, Hans" sagten seine Untertanen, aber sonst kümmerten sie sich nicht weiter um ihn, sondern hängten ihre Köpfe in die Wolken und dichteten.
Wo so viele Freigeister beieinander lebten, geschah es hin und wieder, daß sie miteinander in Streit gerieten. Dann schossen sie mit Papierkügelchen aufeinander und pieksten sich gegenseitig mit dem Bleistift. Der Schaden war nicht groß, es entstand nur ein wenig dicke Luft über dem Königreich, die sich meist schnell wieder verzog. - Aber Hans der König beschloss, ein wenig für Ordnung zu sorgen in seinem Reich, denn es war nicht hinzunehmen, daß die Sitten verwahrlosten und jeder tat was er wollte.

" Ein Zepter brauche ich, sonst nehmen sie mich nicht ernst", dachte sich der König und sah nach, was sich unter den Schätzen seines Reiches finden ließe. Aber nirgendwo fand sich ein Zepter. Da fiel sein Blick eines Tages auf das Bündel, mit dem er aus der Heimat ausgezogen war, und als er es öffnete rollte ihm ein Fingerhut entgegen und weiter unten im Sack blinkte eine große Schere. Er griff danach und wunderte sich darüber, daß er vergessen hatte, wie schön
diese Schere war, lang und spitz, schlank und glatt und herrlich blank. Bei jeder Bewegung blitzten kleine Strahlen auf. Der König strich sich über seinen erst seit kurzem gewachsenen Bart, der ihm ein würdiges Aussehen verlieh und dachte nach. "Warum nicht diese Schere als Zepter verwenden?" sprach er bei sich. Gesagt getan, fortan saß er auf seinem Thron, die Schere als Zepter in der Hand, und der Fingerhut steckte auf seinem Zeigefinger; damit deutete er auf die Übermütigen und rief sie zur Ordnung.

Das Volk war gutmütig,  lachte und warf ihm Kußhändchen zu. Da war ein junges Ding von unverschämter Schönheit und Witz, die winkte am heftigsten und lachte am lautesten. Und ihre Kusshändchen wurden begleitet von Schmetterlingen und Marienkäfern, die kamen von einem ganz besonderen Ort. Und der König entflammte vor Liebe.  Aber mehr als zurückzuwinken, traute er sich nicht. Eines Tages bemerkte er, daß einer seiner Untertanen ein  Briefchen an die Schöne geschrieben hatte, denn alle Post des kleinen Reiches ging über den königlichen Schreibtisch. Das Briefchen erboste den König, und ehe er sich's versah und ohne, daß er es eigentlich wollte, machte er mit seiner Schere "Schnipp,  schnapp", und das kecke Briefchen war nichts mehr als ein paar weiße Schnipsel auf dem königlichen Teppich. Der König erschrak, als er die Schnipsel zu seinen Füssen sah und kehrte sie geschwind unter den Teppich. Doch bald schon kamen sie wieder ans Tageslicht, als die alte Dienerin den Teppich ausklopfen wollte. "Eure Majestät", sagte sie, "was ist denn das für ein Geschnipsel unter dem Teppich?" Der König errötete und ärgerte sich über sein Erröten. "So ergeht es jedem, der die Regeln nicht beachtet", sagte er leicht dahin. Die Dienerin schüttelte den Kopf und antwortete: "Nicht im Land Fantasie, mein König... da gibt es keine Strafen, denn jeder ist freiwillig gekommen und jeder kann freiwillig gehen, und nichts und niemand kann ihn halten".
 Da schämte sich Hans der König und gelobte Besserung. Seine Schere warf er in den großen See der Tränen, die einst ein anderes Volk vergossen hatte um, einen großen Sänger und Dichter, der umgebracht wurde, weil sein König und er das gleiche Mädchen liebten. Jeder, der diese Geschichte gehört hat, hat sie weiter erzählt, und so wurden die beiden unsterblich.
Hans der König wurde nicht unsterblich,  aber er soll fortan ein guter, gerechter, großzügiger Herrscher geworden sein... so steht es geschrieben.


26.04.2000

 


bild 3

rrah rrah
So fing alles an
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