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Kindheitssommer
An einem jener Sommertage, die sich unendlich dehnen, in einem Sommer, der
selbst kein Ende zu nehmen schien, spielten mein Freund und ich am Streek. Es
war früher Nachmittag und das Flüsschen war nur noch ein Rinnsal, das
zwischen Steinen und Flusskieseln dahin plätscherte. Der Himmel über uns war
tiefblau, und die Wolkengebirge, die sich darin türmten, ließen ihn unermesslich
hoch aussehen; die Erde darunter lag platt in der flirrenden Hitze und sah
aus, als ob sie schwitzte. Die Sonne brannte in unsere Nacken, während wir
mit bloßen Füßen im seichten Wasser hockten und die kleinen Fische
beobachteten, die unter uns hin und her flitzten.
„Das sind Stichlinge“, sagte mein Freund.
Ich schwieg und dachte darüber nach, weshalb man diesen Fischen gerade
diesen Namen gegeben hatte. Wenn sie einen Moment lang im Wasser still
standen, waren die kleine Stacheln auf ihren Rücken deutlich zu erkennen. Schön
fand ich sie nicht. Durch die schräg einfallenden Sonnenstrahlen wirkten sie
sehr schmal,
fast wie dunkle Nadeln, besonders wenn man sie von der Schattenseite betrachtete. Die Stacheln gaben ihren Körpern etwas
Skeletthaftes. Aber sie
standen nie lange still.
In dem flachen Wasser und den niedrigen Furchen, die
die Strömung in den Flusssand gespült hatte, herrschte reger Betrieb. In
kleinen Schwärmen bewegten sich
die Fischlein von der sonnigen Mitte des Flussbetts auf das Dunkel des
Uferstreifen zu, um dann plötzlich, wie auf Befehl, zu wenden und wieder wärmere
Gefilde anzusteuern. Dabei begegneten sie einigen Nachzüglern, denen sie auf
anmutigste Weise auswichen, so dass man hätte glauben können, sie tanzten
miteinander.
Ab und zu störten mein Freund und ich den silbrigen Reigen, indem wir einen
Kieselstein mitten in einen Schwarm warfen. Dann teilte sich
dieser V-förmig, um sich nur wenig später auf die gleiche Weise wieder zu vereinen. Manchmal griff ich mit der Hand in den Schwarm und versuchte einen
der Fische zu erhaschen. Mein Freund fischte mit einem Marmeladenglas nach
ihnen und hatte mehr Glück. Neidvoll betrachtete ich den Fang. Die
silbrigen jungen Stichlinge stießen mit ihren Spitzmäulern an die Glaswand des
Gefäßes und zuckten unruhig in ihrem Gefängnis. Ihre weißen Augen hatten
einen starren Ausdruck, die Kiemen fächelten aufgeregt.
„Is ja gemein“, sagte ich ...
„Mein Opa hat auch welche“, antwortete mein Freund stolz. Aus seinem
Tonfall war zu schließen, dass er sich jetzt ebenbürtig fühlte.
Ein
nagendes Gefühl zehrte an mir.
„Trotzdem“, beharrte ich.
Er hielt das Glas gegen die Sonne. „... fünf Stück ...“, sagte er
zufrieden. Dann sah er mich an und seine hellen Augen begegnete meinem
dunklen, mürrischen Blick.
„Na gut“ ... er hob das Glas. Und mit einem Grinsen, ohne dabei den Blick
von mir zu lassen, schüttete er die Stichlinge in hohem Bogen zurück in das
Element, aus dem er sie gefischt hatte. „... kann mir ja immer wieder welche
holen.“
Mit ruckhaften Bewegungen schossen die Winzlinge in alle Richtungen davon, und
schlossen sich gleich darauf wieder der Schar ihrer Artgenossen an. Von einem
Augenblick zum anderen war mir wieder leichter ums Herz.
Nun zogen wir mit Stöckchen kleine Kanäle in den weißen Flusssand und
lenkten die Ströme des Wassers in andere Richtungen. Mit entzückten Rufen
begleiteten wir die Stromfahrt eines Stichlings, der durch das strudelnde
Wasser von seinem Kurs fort gespült wurde. Später saßen wir auf der sonnigen
Uferseite, rupften Binsen, flochten kleine Körbe und Matten, die wir auf
dem Wasser schwimmen ließen. Vorbei an Kieselsteinen suchten sie sich ihre
Bahn, blieben auch hängen an abgestorbenem Holz, das ihnen den Weg
versperrte. Doch das kümmerte uns nicht. Mit erhitzten Köpfen, kühlen Füßen
und schon ein wenig müde betrachteten wir das Gewimmel auf der
Wasseroberfläche und darunter. Wasserläufer huschten darüber hinweg, unten zwischen den
Fischen taumelten Schwimmwanzen.
Kleine Mückenschwärme standen in der Luft, und gelegentlich schwirrte eine
Libelle vorbei.
Die tief stehende Sonne kündete den Abend an. Ein Weilchen blieben wir
noch. Der Moor-Express rollte ratternd auf den Schienen
heran und überquerte den kleinen Fluss. Unter dem Brückenbogen hielten wir
uns die Ohren zu. Zeit heimzugehen.
Ich schlief unruhig in dieser Nacht -
schlanke kleine Fische mit starren Pupillen huschten durch meine Träume.
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