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Ariadna
Katerina Cuéllar 1979
geboren in Moers, Wesel (aber nie dort gelebt).
Lebensstationen,Mainz, Columbus/ohio, Nürnberg,München Bogotá
(Kolumbien), Bismarck/Arkansas, Augsburg Ich
sehne mich immer nach dem Land, in dem ich nicht bin. Das ist seit
meiner Kindheit so. So
sehr auch das Aufwachsen in unter- schiedlichen Kulturen den
Blick weitet, so sehr verblendet es auch. Das Land, das ich suche gibt
es nicht. Es handelt sich dabei eher um ein El Dorado, wie bei Poe. Der
Wunsch danach ist immer vorhanden, aber nur selten bewusst. "Dieses
Leben ist ein Spital, wo jeder Kranke von dem Wunsch besessen ist, das
Bett zu wechseln. Der eine möchte dem Ofen gegenüber leiden, und der
andere glaubt , am Fenster würde er genesen.
Mir scheint, immer dort wo ich nicht bin ,wäre ich glücklich und wo
wir unseren Aufenthalt nehmen könnten, ist eine der Fragen, über die
ich mich unaufhörlich mit meiner Seele unterrede.
(...)
Endlich bricht meine Seele ihr Schweigen, und sehr weise ruft sie mir
zu:
"Wohin auch immer! wohin auch immer! Wenn es nur außer der
Welt ist!" -
Charles Baudelaire: Anywhere out of the world
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Die Flammen
Ich weiß nicht, ob man es Liebe
nennen kann. Doch, doch, es war Liebe.
Trifonows waren immerhin 25 Jahren verheiratet. Ob man bei solch
elenden Kreaturen von „glücklich“ sprechen kann? Wohl kaum.
Sie degenerierten gemeinsam und, ob man es nun Liebe nennt oder
nicht: der Fall in die Tiefe band sie aneinander.
Sie waren wie zwei ermüdete Schwimmer, die sich aneinander
klammern, bis sie gemeinsam untergehen.
Ich jedenfalls, kann meiner Ekelgefühle kaum Herr werden, wenn
ich an sie denke und ihre Geschichte zu Papier bringe. Wie sie
so werden konnten, ich weiß es nicht, ich weiß es nicht.
Früher waren wir alle so befreundet. Trifonows waren überall
gern gesehene Gäste und originelle Gastgeber, sie pflegten
wunderbare Konversation, sie waren Schauspieler und Maler, sie
musizierten und rezitierten, die Kultur war ihre Heimat.
Wohl hörten sie irgendwann auf, gegen die Wogen des Lebens zu
schwimmen und mit dem schwierigen Schicksal von Künstlern zu kämpfen,
die ein gewisses Alter überschreiten, ohne dass sich die
ersehnte Anerkennung und der finanzielle Halt einstellen. Sie
ließen sich von den feindlichen Wassern mitreißen und lebten
in Suff, Schmutz und Armut.
Wie erträgt man eigentlich Schmerzen?
Nun, es ist ja nicht so, dass die Krankheit einen gesunden Körper
überfällt. Ein Körper wird krank, allmählich, und ist dann
selbst diese Krankheit. Die Krankheit zu verneinen, bedeutet ab
einem gewissen Punkt, sich selbst zu verneinen und das geht im
Grunde nicht, weil man selbst die einzige Welt ist, die man
kennt.
So wird einem Menschen die Welt zur Krankheit und er spricht mit
den Schicksalsschwestern:
„Fair is foul, and foul is fair!”
Die Erniedrigung überfällt nicht einen stolzen, gesunden
Menschen, sondern die Erniedrigung kommt schleichend einher mit
einem besonderen Gift: nämlich der Blindheit für die
Erniedrigung.
So lebten sie in einer grässlichen Müllhalde, einer stinkenden
Mietwohnung, die nach einer Weile niemand mehr besuchte (außer
mir, ab und zu).
Ihre Tochter Nina ist nach England ausgewandert (ich möchte
fast sagen: geflohen) heiratete einen ordentlichen Menschen in
London (meiner Meinung nach, ein nichtswürdiger Bourgeois) und
entschloss sich leider dazu, ihr mehr als suspektes genetisches
Erbgut in zwei Kindern zu materialisieren.
Das typische Ungeziefer hier bei uns in Moskau ist die Küchenschabe,
wohingegen in St. Petersburg vor allem die Wanze anzutreffen
ist.
Bei Marina und Jascha Trifonow wimmelte es, im wahrsten Sinne
des Wortes, nur so von Kakerlaken. Sie liefen ihnen über ihre
verquollenen Körper und Gesichter des Nachts. Zunächst waren
es vor allem die kleinen braunen Tierchen. Doch jemand erzählte
Jascha eines Tages, dass die großen schwarzen Kakerlaken, die
kleinen Braunen auffressen. So nahm er einmal eine Schwarze in
einer Streichholzschachtel mit und ließ sie in der Wohnung
laufen. Leider stimmte die Geschichte nicht und fortan gab es
beide Sorten. Auch habe ich dort einige durchsichtige Weiße
gesehen. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um Albinos handelt,
oder ob es eine eigene Rasse ist. Diese ungeliebten Mitbewohner
lebten vor allem hinter dem Kühlschrank, der nicht
funktionierte und in dem uralte Essensreste die wunderlichsten
Blüten trieben.
Auch nisteten und brüteten die Kakerlaken gerne im Waschbecken.
Besonders bedrückend war ihre Gegenwart, wenn sie Flügel
bekamen und umherflogen. Trifonow vergiftete eher sich selbst
und seine Frau mit der Bohrsäure, die überall verstreute.
Einige Küchenschaben sind doch daran gestorben. Ich habe es
einmal beobachtet:
Zum Sterben kommen sie aus ihren Verstecken, wie die Ratten bei
Camus. Dann kann man fast beobachten, wie sie innerlich von
dieser hochgiftigen Substanz zerfressen werden, sie wanken gequält
hin und her und legen sich schließlich auf ihren Rücken. Noch
zappeln sie mit den Beinchen und dann ist es aus. Übrig bleibt
nur die Hülle, die immer knackt, wenn man sie zerdrückt.
Als Nina ihre Eltern letzten Sommer besuchen kam, nahm sie auch
ihre Kinder mit. Der Junge war 13, das Mädchen 9 Jahre alt.
Das Ereignis wurde natürlich mit reichlich Wodka begangen und
der Junge zeigte sich kein bisschen weibisch in dieser Hinsicht,
was seinen Großvater mit Stolz erfüllte.
Jascha saß dann bei seinem Glas und machte mit den Armen
Bewegungen, als ob er große Fliegen zu verscheuchen suchte.
Dabei sagte er: „Weg! Weg mit dir!“
Als Nina ihn fragte, was er vertreiben wollte, sagte er:
„Ach! Es sind diese lästigen Teufelchen, die mich immer bedrängen.“
Ich möchte dazu sagen, dass er keineswegs auf Küchenschaben
oder dergleichen anspielte. Im Gegenteil, seine Worte spiegelten
tatsächlich seine Meinung. Er war einem Wahn verfallen, der ihn
bis zum Ende seines Lebens nicht verlassen sollte.
Marina versuchte, ihrer Tochter ein langes Gedicht von Brodsky
vorzutragen, blieb jedoch schon in der ersten Zeile stecken. Es
war sehr peinlich. Aber wie gesagt, waren Jascha und Marina völlig
unempfänglich für dieses Gefühl geworden.
Als ihr Enkel, vom Umtrunk besiegt, auf der Couch einschlief,
versuchte Jascha, ihm die Teufel von Leibe zu halten, was den
Jungen mehrmals in der Nacht aufweckte.
Es ist eine tragische Geschichte, besonders das Ende. Doch es
ist eine Tragik ohne poetischen Pathos. Es ist eine traurige
Geschichte, die so prosaisch ist, dass es mir im Grunde
widerstrebt sie aufzuschreiben. Sie deprimiert mich, wie nur das
Leben deprimieren kann, nie die Literatur.
Nun: alte, lange nicht gelesene Bücher brennen allzu gut.
Es war ein Aufruhr! Die Feuerwehr kam lärmend herbeigefahren,
die Leute standen in sicherem Abstand vor dem Haus, das in
Flammen stand.
Die Frauen und Kinder weinten hysterisch, die Männer redeten
verbittert miteinander.
„Man sollte allen Säufern verbieten zu rauchen.“
„Sofort ins Gefängnis mit solchem Pack!“
„Jetzt schmoren sie wenigstens in Hölle, wo sie hingehören.“
Ich habe Nina damals angerufen. Sie reagierte relativ ruhig.
Aber ich glaube, dass das Leben sie einfach abgestumpft hatte.
Sie seufzte immerzu und sagte nach einer längeren Pause nur:
„Wenigstens hat das jetzt ein Ende.“
Später weinte sie ein wenig und erzählte von ihrem Jungen, der
in der Jugendbesserungsanstalt saß. Das Mädchen nahm Drogen
und ging kaum zur Schule.
Ihr Mann hatte sich von ihr scheiden lassen und langweilte seine
Freunde mit der ersten und einzigen Erkenntnis seines Lebens:
„Man sollte niemals eine Frau heiraten, ohne vorher ihre
Eltern gesehen zu haben.“
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