Jonathan liest in
Worpswede
Die Autobahn
ist voll und hat einen Fluchtpunkt ganz hinten – beinahe wie
in einem Tunnel zwischen Berg und Tal. Bei Bremen oder kurz
davor muss ich abbiegen. Die Häusernerven herbstlich
erleuchtet. Zwischen all den regungslosen Auen Hinweisschilder,
schwarz auf gelb oder weiß, auf die muss ich achten. Sonst würde
ich gerne anhalten und schauen. Käthe knetet neben mir den
Faltplan. Ihre Anweisungen sind kurz, ihre zwischenzeitlichen
Anekdoten über das Landleben wortreich, ihre
Landschaftsbeschreibungen welche mich hier hergelockt haben eher
prosaisch: ‚Da eine Kuh’. Käthe beschreibt ihre Heimat als
unkompliziert und hemmungslos schön. Käthe kommt aus
Worpswede.
Die
Jugendherberge ist ein massiver Bau, sehr niedersächsisch.
Davor ein Parkplatz mit Rückblick gegen einen Hang.
Seitdem ich
von Käthe gesagt bekam, ich sei Dichter, ich sei berufen der
Welt unser aufregendes Leben zu erzählen, hat sie mir von
diesem Ort berichtet. Nun bin ich da. Eine Geburtstätte eher
unaufregend, kauernd und nebst des eigentlichen Ortes der Anfang
zum Ausgang. KollegInnen begrüßen mich, Menschen die hier auch
lesen wollen. In meiner scheuen und niemals aufdringlichen Art
sage ich verdattert: „Das ist Käthe meine Freundin, sie kommt
aus Worpswede!“, bevor ich mich selbst vorstelle. Das kommt
gut an, weil es bescheiden ist. Ein paar Damen belächeln mich
angenehm mitleidig, besonders Anna. Ich sage: „Ich habe gar
nichts tückisches in den Augen – sorgt euch nicht!“ ... na
ja und außerdem habe ich meine Freundin dabei.
Die ganzen
selbstbewussten Frauen machen mir keine Angst und meine Zeit mit
Käthe ist wie ein Bruchstrich durch mein Leben. Der Anfang
allen Ungestüms, daraus kann ein Roman werden, eine Landminen -
Dramaturgie, eine Landschaftszerfaselung. Wir beziehen
Stockbetten, fühlen uns wie im Schullandheim oder bei Tante
Hertha auf dem Bauernhof. Die selbstbewussten Frauen fragen
mich, ob sie mir beim Bett beziehen helfen dürfen, als Käthe
alte Freundschaften schließt. Was soll ich sagen? Das Bett ist
für mich wie eine zweite Haut und ich beziehe mich gern auf
mein Bett.
„Danke geht
schon“, – sage ich!
„Was liest
Du so?“, werde ich gefragt.
„Mich –
sage ich!“, die Dame schaut streng über den Brillenrand und
sagt: „Mach nur!“ und weist auf ein Wasserglas, damit ich
nicht heiser werde. Meine Kehle brennt bereits, alle lächeln
mich so vielsagend an – so erwartungsvoll. Ich möchte nichts
sagen. Nichts über die Stimmen in der Nacht, die von den Mooren
und Worpen wisperten. Käthe ermutigt mich nicht allzu sehr. Sie
steht daneben. Fürsprache bekomme ich von Sigrid und Silke. Ich
fühl mich verloren, das Mikro ist stumm, der Saal ist leer und
ich hab nichts zu sagen. Ich bin nur Romanfigur.
10. September
2003
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