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Diese Geschichte schrieb ich in der
Autorengruppe des Cycosmos, in einem Schreibprojekt.
Sie gehört also mit zu meinen allerersten Erzählungen
'Lorenzo und Nano' und 'Hoffnung' sind nach den gleichen Vorgaben im Jahr
2000 entstanden.
Bei der Überarbeitung 2008 habe ich mich an die Vorgaben nicht mehr
gebunden gefühlt.
Vorgaben waren folgende von den Projektteilnehmern in einem
Online-Brainstorming zufällig ermittelten Wörter:
Gebirgswanderung / Miesmuscheln / Zwerg
/
Kater / Dachstuhl / Ameisenbau / Lotto /
Ehescheidung / Schornsteinfeger/
Vogelvoliere / Konservendose / Papageno /
Mozzarella / Verpuffung / Mathematik /
vertrocknet
Die Urfassung befindet sich unterhalb der nebenstehenden Geschicht. |
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Lorenzo und Nano
In unserer kleinen Stadt lebte bis vor einigen Jahren ein ziemlich
versoffenes Genie. Sein Name war Lorenz L., von Beruf war er
Schornsteinfeger. Er lebte ganz allein in einem kleinen Haus, am Rande der
Stadt, das ihm eine entfernte Verwandte zusammen mit einem kleinen
Vermögen hinterlassen hatte. Seine einzige Gesellschaft waren die Tauben,
welche in einer Vogelvoliere unter dem Dachstuhl untergebracht waren. Die
Tauben liebte er über alles und widmete ihnen einen großen Teil seiner
freien Zeit. Es waren die einzigen Lebewesen mit denen er damals sprach.
Manchmal pfiff er sogar, wenn er bei ihnen war, die Arie des Papageno. Ja,
musikalisch war er... er hatte ein feines Gehör, und wenn er auch nicht
sehr gebildet war, so hatte er doch eine Vorliebe für Opern entwickelt,
und sein Radio spielte, wann immer er es einschaltete, klassische Musik.
Seit seiner Ehescheidung war ihm keine Frau mehr über die Schwelle seines
Hauses gekommen. Er fand Frauen einfach unausstehlich. - Er kam zurecht.
Er ernährte sich von all den guten Dingen, die Konservendosen zu bieten
haben. Zu seinen höchsten kulinarischen Genüssen zählten Miesmuscheln in
Tomatensauce. Dahinein tunkte er weißes Brot und dazu trank er Bier, und
anschließend noch eines und zur Feier des Tages wieder eines; und weil es
so gut war, auch noch eines vor dem Zubettgehen. Dazu kam oft noch ein Köm, wie es dieser Gegend üblich ist. Und da er nach solchen Exzessen am
folgenden Morgen mit einem Kater durstig aufwachte, trank er als erstes
gleich ein Bier, nach dem Motto - immer mit dem beginnen, womit man am
Abend aufgehört hat. - Nach und nach kam Lorenz L. „auf den Hund“. Er
verlotterte, kam zu spät zur Arbeit, und ließ an allem zu wünschen übrig,
was man von einem nützliches Mitglied unserer Gesellschaft mit Fug und
Recht erwarten kann. Sein Arbeitgeber kündigte ihm, und von nun an
beschränkte sich Lorenz Umgang hauptsächlich auf seine Tauben. Die
Menschen mied er mehr und mehr - und sie ihn. Er schien bei alledem nicht
unglücklich zu sein. Langeweile kannte er nicht, denn ungeachtet seiner
Trunksucht, hatte er einen ansonsten klaren Verstand und schon von Jugend
auf ein Failble und eine besondere Begabung für die Mathematik und die
Logik von Systemen. Und er wurde es nie müde, über verzwickten Problemen
zu grübeln, es bereitete ihm sogar Lust. In den Augen seiner Nachbarn war
er aber ein Nichtsnutz, ein Faulpelz - denn welcher wirklich vernünftige
Mensch beschäftigt sich schon mit der Frage, weshalb Achilles die
Schildkröte nie einholen wird? Nun ja. - Eines Abends, nachdem er schon
ein paar Biere getrunken hatte, sah er plötzlich, dass er nicht allein
war. Ihm gegenüber am Tisch saß ein Zwerg. Einen momentlang dachte er,
der Alkohol spiele ihm nun wahrscheinlich doch einen Streich. Er verhielt
sich still, schloss die Augen für ein paar Sekunden und schaute wieder
hin. Kein Zweifel, da hockte ein kleiner Mann, natürlich ohne Zipfelmütze
und ohne weissen Bart - aber war von zwergenhaften Wuchs und der Kopf
schien viel zu gross und schwer für seinen zarten Leib. Der Zwerg sagte
nichts. - Was er denn da wolle, fragte Lorenz , nachdem sie einander eine
Weile schweigend angesehen hatten. „Ich bin Dein Schutzengel“ soll ihm
darauf der Kleine geantwortet haben. „Na sowas!“ antwortete Lorenz, „und
was willst du von mir?“ – „Ich soll dich beschützen.“ antwortete der Zwerg
und zuckte mit den Schultern, ausserdem habe ich Hunger.“ - „Mal sehen was
noch da ist “ sagte Lorenz und kam gleich darauf mit einem Kanten
vertrockneten Weissbrot und einem Teller Mozzarella zurück. „Nicht mehr
ganz frisch, das Brot“, sagte er beschämt. „... aber der Käse hier ist
noch geniessbar.“ Der Zwerg dankte und ass das karge Mahl, so wie es ihm
aufgetragen worden war. Er trank sogar ein Bier dazu, das Lorenz ihm
hingestellt hatte. „Was liest du denn da?“ erkundigte der kleine Mann.
Lorenz schob ihm das Buch über den Tisch. „’Gödel , Escher, Bach’“
murmelte der Zwerg und blätterte in dem Buch herum. „Affengeil!“ entfuhr
es ihm, als er auf Eschers Lithographie ‚Reptilien’ entdeckte, bei der aus
einer Zeichnung Echsen herauskrochen und über den Tisch liefen, und auf
der anderen Seite des Blattes wieder in die Zeichnung eintauchten. – „Und
schau mal hier, Möbiusstreifen II’, da laufen Ameisen herum in einer
unendlichen Schleife.“ - „Ja, Wahnsinn!“ bestätigte Lorenz, „... und guck,
mal, da gibt es ein Foto, da bauen Ameisen eine Brücke mit Hilfe ihrer
eigenen Körper“. - “ Ameisen, sind das Grösste“, sagte der Zwerg und
lachte, „ Ich bin neulich, auf einer Gebirgswanderung an einem riesigen
Ameisenbau vorbei gekommen. Das war ein Gewimmel - aber organisiert!“ - So
unterhielten sich die beiden bis in die tiefe Nacht. Lorenz hatte lange
nicht mehr so viel Vergnügen empfunden. Er bot dem Kleinen ein Bett für
die Nacht an. An diesem Abend hat Lorenz nichts mehr getrunken. Am
nächsten Morgen gingen sie zusammen frisches Brot kaufen und setzten ihre
Unterhaltung von Vorabend fort . Als der Abend wurde, machte der Zwerg
keine Anstalten zugehen, und Lorenz war’s recht. Sie versorgten gemeinsam
die Tauben, hatten ihre Freude an ihnen und verstrickten sich in ihre
Gespräche. Der Zwerg wohnte von da an bei Lorenz und nach einiger Zeit war
es ihnen, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Aber wie
immer und überall, kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem
bösen Nachbarn nicht gefällt. Die Leute fingen an zu tuscheln über das
seltsame Gespann, und irgendwann fanden die Beiden einen anonymen Brief in
ihren Briefkasten. „Hier ist kein Platz für warme Brüder“ stand darin. Sie
sahen einander an, zuckten mit den Schultern und warfen den Brief in den
Papierkorb. Die zunehmend feindseligen Blicke registrierten sie nicht. Sie
lebten zufrieden und gönnten sich auch die ein oder andere Zerstreuung,
gingen ins Kino und zur Kirmes - und sie spielten im Lotto, jede Woche.
Der Zwerg überprüfte mit peinlicher Genauigkeit die Ergebnisse der
Gewinnausschüttung und führte Buch über ihre kleinen Gewinne. Lorenz
neckte ihn deswegen und schalt ihn einen Pfennigfuchser. Doch der Zwerg
war hierin unbestechlich, jeder Gewinn wurde aufgeschrieben und in zwei
Teile geteilt. – Das Schicksal wollte es, dass sie eines Tages einen
Volltreffer landeten. Da war die Freude gross, und sie gingen ins
Wirtshaus und gaben ein paar Runden aus und feierten das Ereignis. Aber
von nun an war auch der Neid ihr Begleiter. Die Zahl der anonymen Briefe
nahm zu aber auch die Zahl der Bittsteller. Die beiden waren gutmütig und
halfen, wo sie konnten, jedoch, wenn einer ihnen dreist kam, schickten sie
ihn auch fort. Und so gesellte sich zum Neid der Hass. Einmal, als sie von
einem Spaziergang heimkamen, sahen sie Flammen aus dem Schuppen an ihrem
Hause schlagen. Sie rannten um zu löschen, und es gelang ihnen zu
verhindern, dass das Feuer auf das Haus übergriff. Die spätere
feuerpolizeiliche Untersuchung erkannte als Brandursache eine Verpuffung
von Chemikalien, die in dem Schuppen untergebracht waren. Aber die beiden
wusste, dass sie keine Chemikalien dort aufbewahrten, und da sie nicht
ganz blöd waren und nun doch merkten, welcher Wind ihnen entgegenwehte,
packten sie ihre sieben Sachen, öffeneten die Voliere, entliessen die
Tauben in die Freiheit und gingen in die weite Welt. „Etwas besseres als
den Tod findest du überall“, sagte schon der Esel bei den Bremer
Stadtmusikanten. – Woher ich das alles weiss? -Nun, vor ein paar Jahren
reiste einer meiner Freunde nach Italien. Dort traf er in der Nähe von
Sienna, auf einer Piazza, zufällig ein paar alte Bekannte, sie nannten
sich Lorenzo und Nano, und die haben es ihm erzählt.
März 2000
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