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Wenn ich München
höre ...
Einen Tag, nachdem Marilyn Monroe an einer Überdosis Schlaftabletten
gestorben war, am 6. August 1962, fuhr ich ich zum ersten Mal mit dem Zug
von Hamburg nach München. Am Hauptbahnhof schlug mir die traurige
Neuigkeit von allen Titelseiten der Tageszeitungen entgegen. Ich war
geschockt. Zu jener Zeit bedeuteten Stars für mich noch etwas, und Marilyn
war eine der ganz großen für mich. – Ich kaufte mehrere Zeitungen.
Unterwegs vertiefte ich mich in die Berichte. Ich war damals 19 Jahre alt,
und fast nicht aus Norddeutschland heraus gekommen, und keineswegs so
selbstsicher wie heutige junge Frauen. Dass man in diesem Alter damals
„Fräulein“ titulierte wurde, passte also sogar, jedenfalls für
mich. Diese Reise war mein erstes Stück Selbstständigkeit... Verreisen,
zum ersten mal ohne Begleitung. Als Studentin hatte ich wenig Geld, und
hatte mich daher für einen Sonderzug entschieden der preisgünstig war,
dafür aber zwanzig Stunden unterwegs. Also, hatte ich genügend Zeit die
Nachrufe zu lesen, die Abbildungen der schönen Verstorbenen zu betrachten
und mich zu fragen, wie es mir wohl ergehen würde, wenn ich erst einmal 36
Jahre alt wäre, ob auch ich Angst davor hätte zu altern und nach und nach
meine Schönheit zu verlieren. Schönheit. – Wie wichtig das für mich
war! Bis dahin hatte ich kaum etwas vorzuweisen in meinem Leben. Man
bewunderte mich, weil ich schön war, das war alles. Und nun hatte sich
Marilyn davongemacht und ließ alle Ängste zurück... war nicht mehr. Ihre
Schönheit nur noch Zelluloid Tod. – Das war bis kurz zuvor noch ein
Begriff gewesen, der nichts mit mir zu tun hatte und nun war es schon der
zweite Tod, der mich erschütterte. Nur wenige Wochen vorher war mein
Professor, den ich bewundert und geliebt hatte gestorben, ebenfalls zu
früh, im Alter von 42. Zum ersten mal war ich von Trauer und
Trostlosigkeit geschüttelt gewesen, hatte mich kaum beruhigen können. Nie
wieder habe ich später bei Beerdigungen geweint... es war als hätte ich
alle Tränen, die ich für solche Ereignisse hatte, auf einmal vergossen. –
Und war ich auf dem Weg nach München. Zwei Ziele hatte ich
dort. Erstens sollte ich Verwandte aufsuchen, die durch die Scheidung
meiner Großmutter meiner Familie entrückt waren, und die von meiner
Existenz keine Ahnung hatten. Keiner hatte mich dort angekündigt und ich
selbst war auch nicht auf die Idee gekommen. Zweitens war ich dort mit
einen Studienkameraden verabredet. Dieser wollte mich mit seinem Freund
bekannt machen, der ebenfalls ein ehemaliger Schüler unseres kürzlich
verstorbenen Lehrers war. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Der Freund
wohnte am Viktualienmarkt und hatte dort auch sein Atelier. Eine Ganze
Ausstellung erwartete uns, an die vierzig Bilder, abstrakt surrealistisch,
in einer faszinierende Technik. Farbig besprühte Spinnweben, die er auf
dem Lande in alten Scheunen fand, montierte er auf dunkle Bildgründe wie
schwebende Plazenta oder Lungenschmetterlinge. Ich durfte mir ein Bild
aussuchen und besitze es heute noch. Wir aßen Käse und tranken Rotwein aus
einer zwei Liter Flasche. Am nächsten Tag reiste auch noch mein Liebster
an. Ich schwebte auf einer Wolke... teilte meine Zeit mit drei jungen
Männern in München, einer Kunstmetropole. Wir besuchten Ausstellungen und
Galerien, diskutierten über Kunst und sprachen von Leben und vom Tod. Eine
neue Welt tat sich für mich auf. Ich - Landpomeranze, behütete Tochter -
hatte so ein ganz klein wenig das Gefühl von Bohème und
Existentialismus. Als ich am späten Nachmittag die Klingel an einer
Wohnung meiner Verwandten in Maximilianstrasse drückte, geschah zunächst
gar nichts. Ich versuchte es ein zweites mal. Da wurde die Tür einen
spaltbreit geöffnet . Ein älterer Herr spähte hinaus in das Halbdunkel des
Flures, dahinter erkannte ich eine Frau. Onkel Adolf und Tante Karla ,
Schwager und Schwägerin meiner Großmutter... nach anfänglichem Zögern
wurde ich eingelassen in die dunkle Altbauwohnung mit den schweren
Ledermöbeln. Ich erklärte den Grund meines Besuchs, es nützte nichts...
die Stimmung blieb reserviert. Zwanzig Minuten später stand ich wieder
unten auf der Maximilianstrasse und fühlte mich so frei ... so frei....
Familie.. bah! Was hatte ich damit zutun? Das war was für
Spießer... Bourgeoises! Sollte meine Mutter sehen wie sie Kontakt zur
Familie ihres Vaters bekam. Mich interessierte das nicht. Ich war
Künstlerin, meine Freunde waren Künstler ...und am Abend würden wir in
Schwabing einen drauf machen.
Juni 2000
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