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Begegnungen der besonderen Art


Asti

Kennengelernt habe ich Asti zunächst als Gesprächspartner von Quoth , der den Ritsos -Übersetzer  2003 ins Forum der gruppe vier-w "quotiert " hatte.

Hier nun einige Geschichten, die er mir im Verlauf eines längeren Dialogs im Forum erzählte. Auch wenn der Dialog aufgrund meiner Nachlässigkeit nicht weitergeführt wurde.

Doch  hoffe ich  gelegentlich von ihm weitere Geschichten zu bekommen, wenn ihm danach zumute sein sollte zu erzählen,
und vielleicht den Dialog auch wieder aufzunehmen, der hier auf den folgenden Seiten wiedergegeben ist.

Vorangestellt sind die Sätze  aus dem Dialog, die ihn zum Erzählen  anregten .

Wie ich Asti in Realität kennenlernte, steht in meinem Text Blind Date .
Gelegentlich geht noch ein Gruß hin und her, wie zum Jahreswechsel und für die Zustimmung zu dieser Seite.

madonna , Januar2005

 

Asteris Koutoulas Blog

 

 

 

Astis erzählt:

1.

Zitat:

Literatur lebt von der Imagination. Herzlich madonna

....also gut, hier ein imaginaerer brief an meine geliebte, 11 uhr nachts:

liebste,
ich weiss: du kaempfst; dutzende dinge, auf die du ein auge, die du im kopf haben
musst. und diese hitze, die dich umgibt. diese schwuele hitze. 
denk auch an dich - und ab und zu nur an dich - bei all dem trubel. jeder halbe tag, 
an dem du dir nicht auch mal was goennst, nimmt dir etwas. also: alle zwoelf stunden
hab zehn minuten fuer dich, fuer die tiefenentspannung, die totale entlassung, denk 
an was schoenes, an dein dorf, den hof von tante e., das wohnzimmer von n. und j. 
und die magischen naechte mit spaziergaengen durch das funkelnde ancona. 
triff dich mit mir in gedanken dort, ich werde da sein, und wir werden dann in einer 
taverne sitzen und einen wunderbaren fisch essen und tomaten-gurken-schafskaese
mit zwiebel, und wir werden uns ein glaeschen wein genehmigen, und die eine und 
die andere katze wird um deine beine streichen, und dann kommt der servitoros und
plaudert ein bisschen mit dir. man hoert boote in den hafen kommen, ganz leise, 
das wasser, und die berge weiss man ringsum. und jetzt leck dir mal ueber die lippen.
ich weiss, bei dir ist es wohl schon viel spaeter, vielleicht liest du meine zeilen erst 
morgen, aber ich hatte solche sehnsucht. es ist elf uhr nachts. es ist wirklich ein traum. 
ich weiss - es ist eine flucht auf eine insel, aber es ist eine schoene flucht. 
tausend kuesse fuer dich. ich wuensche dir, dass es auch ein paar zeiten gibt, in 
denen du durchatmen kannst, du hast ja gesagt, du liebst bombay; dann geniess es,
so wie du kannst. ich stelle es mir immer noch irre vor: du in bombay ... 
ich wuensche dir ein paar erfrischende begegnungen und auch ein paar schoene 
blicke - obwohl ich eifersuechtig bin und es mir ein bisschen das herz zusammen 
krampft, aber ... warum sollen nicht auch ein paar andere maenner in deine schoenen 
augen schaun ... gibt es in bombay was vitaminhaltiges? zur not eventuell aepfel 
morgens vom fruehstueckbuefett. und denk wenigstens ein mal pro tag an mich.
dein a.

 

 

2.

Hallo M., apropos Geschichten: 

auf meinen vielen Reisen durch Europa in den letzten beiden Monaten konnte ich 
nachdenken und so erinnerte ich mich, was ich um jene Zeit gemacht habe, als du 
Leonard Cohen kennengelernt hattest (da ich gerade in Polen bin, schreibe ich die 
Umlaute aus, sonst liest du meine Texte mit Verzierungen...) 

Also, ich fuhr 1975, fuenfzehnjaehrig,  zum ersten Mal nach Griechenland. Ich erinnere 
mich, dass der Zug gerade die jugoslawisch-griechische Grenze passiert hatte, als 
sich mit einem Schlag die Landschaft veraenderte - die Luft heiss und flirrend, die 
Haeuser schlohweiss und flach, und (zum erstenmal fuer mich!) einheimische Griechen, 
laessig und "mediterran", ein Begriff der mir erst viel spaeter einfiel, aber ich erfasste 
instinktiv das mittelmeerische Gemuet dieser "eigentlichen" Griechen. Sie wirkten auf 
mich anders als ihre Landsleute der unfreiwilligen Diaspora im Ostblock, die ich als 
Kind in Oradea, Bukarest, Moskau, Iwanowo, Prag, Budapest, Dresden und Leipzig 
kennengelernt und mit denen ich gelebt hatte. Die griechischen Griechen erschienen 
mir stolzer, anarchischer, ungebrochener als jene im sozialistischen Exil, die sich zum 
Teil einer mir verhassten Ungebildetheit unterworfen hatten, doppelte Analphabeten, 
ihre eigene - griechische - Mutter-Sprache wie jene des Gastlandes ungenuegend 
beherrschend. Und obwohl sich viele von ihnen arrangiert hatten und Privilegien 
besassen, waren sie geduckt worden durch das Leben im real existierenden 
<Sozialismus.

Das erfasste ich bereits 1975 (glaube ich), waehrend die Zypressen und Olivenbaeume
an meinen Augen vorbeihuschten, waehrend sich bald eine mir unbekannte Sonne in 
einem mir unbekannten blauen Meer spiegelte, auf dem kleine Boote tanzten.
Ich, im rumaenischen und spaeter im dresdner DDR-Exil, war aufgewachsen mit dem 
praegenden und sich jedes Jahr wiederholenden Silvesterspruch meiner Eltern: 
"Und im naechsten Jahr in der Heimat". Er glich einer Beschwoerung, einer so 
nachhaltigen, dass ich mir spaeter, gleichsam wie unter Zwang, Griechenland ins 
Deutsche uebersetzte, als wollte ich meine beiden Heimatlaender - oder sind es 
Vaterlaender? - in meinem Innern vereinen.
Jener Spruch verwandelte sich naemlich mit der Zeit in eine drohende Gebaerde, in 
eine Chimaere, in eine kauderwelschende Empfindung: kai perassan meres poles 
messa sse ligin ora, ke perassan meres poles messa sse ligin ora, oi, oi mana mou, 
oi, oi, mana mou.
Ich erzaehle das, weil es meine obsessive Beziehung zu den von mir gemachten oder 
angeregten Buechern verdeutlicht. Denn Uebersetzen war fuer mich immer eine 
Ueberquerung, bei der es darauf ankam, den Fuss sicher aufs andere Ufer zu setzen. 
Uebersetzen ist stets auch eine "hoefliche Angelegenheit" - man muss sich negieren 
oder verschwinden koennen hinter dem Original oder sich darin verlieren lassen. 
(Inzwischen, das gebe ich zu, kann ich dies kaum noch.)
Als ich spaeter begann, Buecher herauszugeben und selbst zu verlegen, war dies fuer 
mich die Weiterfuehrung meiner uebersetzerischen Taetigkeit mit anderen Mitteln - und 
zugleich die Losloesung von einem permanenten Schuldgefuehl gegenueber meiner 
unbekannten Heimat Griechenland, die meinen deutschen Geist schon laengst 
bewohnte.
Alles, was dann kam, und vor allem die Edition der "Bizarren Staedte" - einer 
"inoffziellen Zeitschrift" - in jenem bizarren Land DDR, war fuer mich die Behauptung 
eines lebbaren freien Raumes innerhalb eines vormundtschaftlichen Staates, der Sieg 
meiner Phantasie ueber einen abgezirkelten und entfremdeten Alltag, ja in gewisser 
Weise die Apotheose des Machens um des Machens willen. Ein Raum fuer vernarrte 
Individualisten und fuer das, was man gemeinhin mit "Kunst" umschreibt.
Im Lande DDR gab es gluecklicherweise einige solcher Raeume. Und ich wuenschte 
mir schon damals, dass der Zufall oder die Neugier Leute, die sonst keine Beruehrung 
mit Kunst haben, mit solch einer fern-wehmuetigen unirdischen Welt wie dieser 
konfrontieren moegen. Denn in einer Zeit, die keine positive Utopie mehr 
hervorzubringen vermag, sollte wenigstens das "Schoene und Wahre", also das 
wunderbare Gefuehl der Freiheit, erfahrbar bleiben, und sei es nur in Nischen - so wie 
frueher und doch ganz anders.

Fuer einen ausgekochten Pessimisten wie mich - und das meine ich ohne jede 
Koketterie - hat sich seit der Arbeit an den "Bizarren Staedten" ohnehin grundlegend 
nichts an dem Umgang mit diesen Dingen geaendert. Ausser dass ich in Gedanken 
schon in die andere, die mediterrane Welt uebergewechselt bin. In dieser spielen 
Phaenomene wie "Seele" und "Empfindung", "Meer" und "Licht" eine ganz andere 
Rolle als im kuehlen Deutschland, ja, sie sind fuers GERMANISCHE unuebersetzbar. 
Und auch das Pathos gehoert zum Alltag, genauso wie der Fanatismus und die 
Herzlichkeit. 

Waehrend jener ersten Zugfahrt durch Griechenland 1975 stieg in einem Dorf ein alter
Mann mit einem Huehnerkorb in den Zug und stellte sich in den Gang. Grossgewachsen, 
kraeftig gebaut, mit dickem Schnurrbart und grauem Haar sah er durchs Fenster auf die 
Landschaft im Sonnenuntergang. Als ihn der Schaffner nach der Fahrkarte fragte, sah 
er ihn nur kurz an und sagte: "Ich besitze keine, mein Sohn". Der Schaffner holte einen 
Block heraus: "Dann musst du jetzt nachloesen, Opa!" - "Ich habe kein Geld bei mir", 
lautete dessen Antwort. Der Schaffner zuckte mit den Achseln: "Tja, Opa, dann musst du 
leider die naechste Station aussteigen!" Der alte Mann sah ihm in die Augen und 
beendete den Disput mit versoehnlicher Stimme: "Mach dir nichts draus, mein Sohn, 
da will ich auch hin." Und, setze ich hinzu, von da an wusste ich, dass auch ich dorthin 
wollte - und irgendwie bin ich staendig dorthin unterwegs. Wer weiss, ob ich jemals 
ankommen werde. Zumindest troeste ich mich mit Kavafis: "Der Weg ist Ithaka..." 

Viele Gruesse, A.

 

 

3.

Zitat:
Dabei schwaermen einige aus in Sphaeren, wo sie sich selbst und manchmal sogar den Weg zurueck verlieren.


Ich kannte einen aussergewoehnlichen Autoren, der sich selbst so unglaublich verloren 
hatte, dass er mir bereits in Ithaka angekommen zu sein schien, freilich, ohne es zu 
wissen. Er nannte sich flanzendoerfer, wahrscheinlich um seine Verwandtschaft mit 
pflanzlichen und doerflichen Existenzen zu assoziieren, und gehoerte zu den wenigen, 
die mir begegnet sind, fuer die Schreiben nichts anderes war, als eine zum Extrem 
verbogene Lebensform.

Fast vier Jahre nach seinem Selbstmord veroeffentlichte der Verlag von Gerhard Wolf, 
Janus press Berlin, das erste Buch Frank Lanzendoerfers (1962-1988), ein eigenwilliges 
und hochinteressantes literarisches Dokument. Ich kann uebrigens dieses Buch all jenen 
empfehlen, die sich jenseits von "Literatur" auch fuer das sogenannte authentische 
Schreiben interessieren. Was - zugegeben - unter der Hand bedeuten koennte, man 
habe es mit einem Phaenomen zu tun, das sich qualitativen Kriterien widersetzt.
Selbst der Herausgeber des Buches, mein Freund Peter Boethig, kapituliert in seinem 
Nachwort vor diesem Phaenomen und erklaert z.B. das regelmaessige Fasten 
Lanzendoerfers wie folgt: "Sein Fasten war, wie alles, was er tat, radikal ... 
Das Experiment mit dem Koerper konnte in ein sprachliches uebergehen und umgekehrt.
" Dazu muss man wissen, dass Lanzendoerfer mit dem Fasten so umging, wie andere 
mit Drogen – um jene Sinneswahrnehmungen zu erfahren, die er fuers Schreiben 
brauchte. Ich werde nie vergessen, wie er mir erzaehlte, dass er sich mit seiner Freundin 
auf den Balkon seiner Pankower Hinterhauswohnung aussperrte und den 
Balkontuerschluessel hinunterwarf. Er hatte nur Wasser mitgenommen, und sie hielten es 
immerhin einige Tage aus, bevor sie um Hilfe riefen.

Lanzendoerfer lernte ich 1987 bei der Arbeit an der in der DDR "inoffiziellen" Zeitschrift 
BIZARRE STAEDTE kennen, fuer deren ersten Band er GARUNA, ICH BIN gestaltete, 
eine Collage aus Texten, Fotos, Grafiken und Ueberarbeitungen; die Autobiographie 
eines anonymen ICH, so unentschieden zwischen Lanzendoerfer und flanzendoerfer, 
dass der Autor mit drei Kreuzen unterschrieb. Der Text schien mir damals, und scheint 
mir noch heute, ein "Wurf" zu sein, seiner abgruendigen Melancholie und seltsam 
unironischen Sehnsucht nach Harmonie wegen: "ich bin krank/... die stimme der mutter: 
alles wird/ wieder gut. ein vogel, es ist winter, das leben,/ ist herrlich. & es ist der 
vaeterliche stammplatz,/ sonst ihm vorbehalten, nun darf ich &/ kein gezeter, gluecklich 
sein."

Lanzendoerfer litt nicht nur an seinem Einzelgaengertum sondern auch an der ihn 
umgebenden Vormundschaft. Im Mai 1988 kam es in meiner pankower Wohnung zu 
einer Begegnung der dritten Art, als zwei Stasileute bei mir auftauchten, um mich wegen
der Bizarre-Staedte-Herausgabe zu befragen und Lanzendoerfer, der gerade bei mir 
war, etwas verdutzt und augenzwinkernd gruessten: "Ach, Herr Lanzendoerfer, Guten Tag!
" Woraufhin ich verdutzt fragte: "Sie kennen sich?" 
Der juengere erwiderte: "Kennen, ist gut gesagt! Was, Herr Lanzendoerfer! Ich dachte, 
Sie sind schon laengst weg!" - und spielte damit auf einen inzwischen zurueckgezogenen
Ausreiseantrag Lanzendoerfers an. Es blieb still in meiner Kueche. Die beiden Stasileute 
wurden unsicher, wie immer nehme ich an, wenn ihnen die konspirative Grundlage 
genommen war: Ich schwieg, starrte sie an, Lanzendoerfer sass stumm kippelnd auf 
einem Stuhl, diese Stummheit dem Raum regelrecht aufzwingend. Nach etwa fuenf 
Minuten einer immer unertraeglicheren Stille standen die Stasileute auf und gingen fort.

Diesen Terror der Stille - wie ich es nennen wuerde - kultivierte Lanzendoerfer geradezu, 
ja diese Art des Terrors gehoerte zu den beliebten "Instrumenten", derer er sich bediente, um sich Spannung in den sonst langweiligen und trostlosen Augenblick zu holen ("telepathie eine leichtigkeit" schreibt er irgendwo); aehnliche Szenen, in ganz anderen Zusammenhaengen, erlebte ich mit ihm immer wieder. Aber er experimentierte - vor allem - an sich selbst und an allen um sich herum, abstands- und kompromisslos.
Diese Rigorositaet naehrte seine Schreibmotivation und beeinflusste natuerlich die 
Methodik seines Schreibens: "er schlaegt auf den vergangenen satz./ der satz bricht 
zusammen, ersteht von neuem" - lese ich im Text "Unmoeglich es leben", der dem 
ganzen Buch den Titel gab, ein Titel, der heute so symbolistisch wirkt, dass ich ihn gern 
austauschen wuerde. Denn eigentlich passt er zu gut zu den wehmuetigen und zugleich 
abgehackten poetischen Bildern Lanzendoerfers.

Gruss aus Oesterreich - Asti

am 26.11.2003 

 

 

© Asteris Koutoulas


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