
Astis erzählt:
1.
| Zitat: |
Literatur lebt von der Imagination. Herzlich madonna
|
....also gut, hier ein imaginaerer brief an meine geliebte, 11 uhr nachts:
liebste,
ich weiss: du kaempfst; dutzende dinge, auf die du ein auge, die du im
kopf haben
musst. und diese hitze, die dich umgibt. diese schwuele hitze.
denk auch an dich - und ab und zu nur an dich - bei all dem trubel. jeder halbe tag,
an dem du dir nicht auch mal was goennst, nimmt dir etwas. also: alle zwoelf stunden
hab zehn minuten fuer dich, fuer die tiefenentspannung, die totale entlassung, denk
an was schoenes, an dein dorf, den hof von tante e., das wohnzimmer von n. und j.
und die magischen naechte mit spaziergaengen durch das funkelnde ancona.
triff dich mit mir in gedanken dort, ich werde da sein, und wir werden dann in einer
taverne sitzen und einen wunderbaren fisch essen und tomaten-gurken-schafskaese
mit zwiebel, und wir werden uns ein glaeschen wein genehmigen, und die eine und
die andere katze wird um deine beine streichen, und dann kommt der servitoros und
plaudert ein bisschen mit dir. man hoert boote in den hafen kommen, ganz leise,
das wasser, und die berge weiss man ringsum. und jetzt leck dir mal ueber die lippen.
ich weiss, bei dir ist es wohl schon viel spaeter, vielleicht liest du meine zeilen erst
morgen, aber ich hatte solche sehnsucht. es ist elf uhr nachts. es ist wirklich ein
traum.
ich weiss - es ist eine flucht auf eine insel, aber es ist eine schoene flucht.
tausend kuesse fuer dich. ich wuensche dir, dass es auch ein paar zeiten gibt, in
denen du durchatmen kannst, du hast ja gesagt, du liebst bombay; dann geniess es,
so wie du kannst. ich stelle es mir immer noch irre vor: du in bombay ...
ich wuensche dir ein paar erfrischende begegnungen und auch ein paar schoene
blicke - obwohl ich eifersuechtig bin und es mir ein bisschen das herz zusammen
krampft, aber ... warum sollen nicht auch ein paar andere maenner in deine schoenen
augen schaun ... gibt es in bombay was vitaminhaltiges? zur not eventuell aepfel
morgens vom fruehstueckbuefett. und denk wenigstens ein mal pro tag an mich.
dein a.
2.
Hallo M., apropos Geschichten:
auf meinen vielen Reisen durch Europa in den letzten beiden Monaten konnte ich
nachdenken und so erinnerte ich mich, was ich um jene Zeit gemacht habe, als du
Leonard Cohen kennengelernt hattest (da ich gerade in Polen bin, schreibe ich die
Umlaute aus, sonst liest du meine Texte mit Verzierungen...)
Also, ich fuhr 1975, fuenfzehnjaehrig, zum ersten Mal nach Griechenland. Ich erinnere
mich, dass der Zug gerade die jugoslawisch-griechische Grenze passiert hatte, als
sich mit einem Schlag die Landschaft veraenderte - die Luft heiss und flirrend, die
Haeuser schlohweiss und flach, und (zum erstenmal fuer mich!) einheimische
Griechen,
laessig und "mediterran", ein Begriff der mir erst viel spaeter einfiel, aber ich erfasste
instinktiv das mittelmeerische Gemuet dieser "eigentlichen" Griechen. Sie wirkten auf
mich anders als ihre Landsleute der unfreiwilligen Diaspora im Ostblock, die ich als
Kind in Oradea, Bukarest, Moskau, Iwanowo, Prag, Budapest, Dresden und Leipzig
kennengelernt und mit denen ich gelebt hatte. Die griechischen Griechen erschienen
mir stolzer, anarchischer, ungebrochener als jene im sozialistischen Exil, die sich zum
Teil einer mir verhassten Ungebildetheit unterworfen hatten, doppelte Analphabeten,
ihre eigene - griechische - Mutter-Sprache wie jene des Gastlandes ungenuegend
beherrschend. Und obwohl sich viele von ihnen arrangiert hatten und Privilegien
besassen, waren sie geduckt worden durch das Leben im real existierenden
<Sozialismus.
Das erfasste ich bereits 1975 (glaube ich), waehrend die Zypressen und Olivenbaeume
an meinen Augen vorbeihuschten, waehrend sich bald eine mir unbekannte Sonne in
einem mir unbekannten blauen Meer spiegelte, auf dem kleine Boote tanzten.
Ich, im rumaenischen und spaeter im dresdner DDR-Exil, war aufgewachsen mit dem
praegenden und sich jedes Jahr wiederholenden Silvesterspruch meiner Eltern:
"Und im naechsten Jahr in der Heimat". Er glich einer Beschwoerung, einer so
nachhaltigen, dass ich mir spaeter, gleichsam wie unter Zwang, Griechenland ins
Deutsche uebersetzte, als wollte ich meine beiden Heimatlaender - oder sind es
Vaterlaender? - in meinem Innern vereinen.
Jener Spruch verwandelte sich naemlich mit der Zeit in eine drohende Gebaerde, in
eine Chimaere, in eine kauderwelschende Empfindung: kai perassan meres poles
messa sse ligin ora, ke perassan meres poles messa sse ligin ora, oi, oi mana mou,
oi, oi, mana mou.
Ich erzaehle das, weil es meine obsessive Beziehung zu den von mir gemachten oder
angeregten Buechern verdeutlicht. Denn Uebersetzen war fuer mich immer eine
Ueberquerung, bei der es darauf ankam, den Fuss sicher aufs andere Ufer zu setzen.
Uebersetzen ist stets auch eine "hoefliche Angelegenheit" - man muss sich negieren
oder verschwinden koennen hinter dem Original oder sich darin verlieren lassen.
(Inzwischen, das gebe ich zu, kann ich dies kaum noch.)
Als ich spaeter begann, Buecher herauszugeben und selbst zu verlegen, war dies fuer
mich die Weiterfuehrung meiner uebersetzerischen Taetigkeit mit anderen Mitteln - und
zugleich die Losloesung von einem permanenten Schuldgefuehl gegenueber meiner
unbekannten Heimat Griechenland, die meinen deutschen Geist schon laengst
bewohnte.
Alles, was dann kam, und vor allem die Edition der "Bizarren Staedte" - einer
"inoffziellen Zeitschrift" - in jenem bizarren Land DDR, war fuer mich die Behauptung
eines lebbaren freien Raumes innerhalb eines vormundtschaftlichen Staates, der Sieg
meiner Phantasie ueber einen abgezirkelten und entfremdeten Alltag, ja in gewisser
Weise die Apotheose des Machens um des Machens willen. Ein Raum fuer vernarrte
Individualisten und fuer das, was man gemeinhin mit "Kunst" umschreibt.
Im Lande DDR gab es gluecklicherweise einige solcher Raeume. Und ich wuenschte
mir schon damals, dass der Zufall oder die Neugier Leute, die sonst keine Beruehrung
mit Kunst haben, mit solch einer fern-wehmuetigen unirdischen Welt wie dieser
konfrontieren moegen. Denn in einer Zeit, die keine positive Utopie mehr
hervorzubringen vermag, sollte wenigstens das "Schoene und Wahre", also das
wunderbare Gefuehl der Freiheit, erfahrbar bleiben, und sei es nur in Nischen - so wie
frueher und doch ganz anders.
Fuer einen ausgekochten Pessimisten wie mich - und das meine ich ohne jede
Koketterie - hat sich seit der Arbeit an den "Bizarren Staedten" ohnehin grundlegend
nichts an dem Umgang mit diesen Dingen geaendert. Ausser dass ich in Gedanken
schon in die andere, die mediterrane Welt uebergewechselt bin. In dieser spielen
Phaenomene wie "Seele" und "Empfindung", "Meer" und "Licht" eine ganz andere
Rolle als im kuehlen Deutschland, ja, sie sind fuers GERMANISCHE unuebersetzbar.
Und auch das Pathos gehoert zum Alltag, genauso wie der Fanatismus und die
Herzlichkeit.
Waehrend jener ersten Zugfahrt durch Griechenland 1975 stieg in einem Dorf ein alter
Mann mit einem Huehnerkorb in den Zug und stellte sich in den Gang. Grossgewachsen,
kraeftig gebaut, mit dickem Schnurrbart und grauem Haar sah er durchs Fenster auf die
Landschaft im Sonnenuntergang. Als ihn der Schaffner nach der Fahrkarte fragte, sah
er ihn nur kurz an und sagte: "Ich besitze keine, mein Sohn". Der Schaffner holte einen
Block heraus: "Dann musst du jetzt nachloesen, Opa!" - "Ich habe kein Geld bei mir",
lautete dessen Antwort. Der Schaffner zuckte mit den Achseln: "Tja, Opa, dann musst du
leider die naechste Station aussteigen!" Der alte Mann sah ihm in die Augen und
beendete den Disput mit versoehnlicher Stimme: "Mach dir nichts draus, mein Sohn,
da will ich auch hin." Und, setze ich hinzu, von da an wusste ich, dass auch ich dorthin
wollte - und irgendwie bin ich staendig dorthin unterwegs. Wer weiss, ob ich jemals
ankommen werde. Zumindest troeste ich mich mit Kavafis: "Der Weg ist Ithaka..."
Viele Gruesse, A.
3.
| Zitat: |
| Dabei schwaermen einige aus in Sphaeren,
wo sie sich selbst und manchmal sogar den Weg zurueck
verlieren. |
Ich kannte einen aussergewoehnlichen Autoren, der sich selbst so
unglaublich verloren
hatte, dass er mir bereits in Ithaka angekommen zu sein schien,
freilich, ohne es zu
wissen. Er nannte sich flanzendoerfer, wahrscheinlich um seine
Verwandtschaft mit
pflanzlichen und doerflichen Existenzen zu assoziieren, und gehoerte
zu den wenigen,
die mir begegnet sind, fuer die Schreiben nichts anderes war, als
eine zum Extrem
verbogene Lebensform.
Fast vier Jahre nach seinem Selbstmord veroeffentlichte der Verlag
von Gerhard Wolf,
Janus press Berlin, das erste Buch Frank Lanzendoerfers (1962-1988),
ein eigenwilliges
und hochinteressantes literarisches Dokument. Ich kann uebrigens
dieses Buch all jenen
empfehlen, die sich jenseits von "Literatur" auch fuer das
sogenannte authentische
Schreiben interessieren. Was - zugegeben - unter der Hand bedeuten
koennte, man
habe es mit einem Phaenomen zu tun, das sich qualitativen Kriterien
widersetzt.
Selbst der Herausgeber des Buches, mein Freund Peter Boethig,
kapituliert in seinem
Nachwort vor diesem Phaenomen und erklaert z.B. das regelmaessige
Fasten
Lanzendoerfers wie folgt: "Sein Fasten war, wie alles, was er
tat, radikal ...
Das Experiment mit dem Koerper konnte in ein sprachliches uebergehen
und umgekehrt.
" Dazu muss man wissen, dass Lanzendoerfer mit dem Fasten so
umging, wie andere
mit Drogen – um jene Sinneswahrnehmungen zu erfahren, die er fuers
Schreiben
brauchte. Ich werde nie vergessen, wie er mir erzaehlte, dass er
sich mit seiner Freundin
auf den Balkon seiner Pankower Hinterhauswohnung aussperrte und
den
Balkontuerschluessel hinunterwarf. Er hatte nur Wasser mitgenommen,
und sie hielten es
immerhin einige Tage aus, bevor sie um Hilfe riefen.
Lanzendoerfer lernte ich 1987 bei der Arbeit an der in der DDR
"inoffiziellen" Zeitschrift
BIZARRE STAEDTE kennen, fuer deren ersten Band er GARUNA, ICH BIN
gestaltete,
eine Collage aus Texten, Fotos, Grafiken und Ueberarbeitungen; die
Autobiographie
eines anonymen ICH, so unentschieden zwischen Lanzendoerfer und
flanzendoerfer,
dass der Autor mit drei Kreuzen unterschrieb. Der Text schien mir
damals, und scheint
mir noch heute, ein "Wurf" zu sein, seiner abgruendigen
Melancholie und seltsam
unironischen Sehnsucht nach Harmonie wegen: "ich bin krank/...
die stimme der mutter:
alles wird/ wieder gut. ein vogel, es ist winter, das leben,/ ist
herrlich. & es ist der
vaeterliche stammplatz,/ sonst ihm vorbehalten, nun darf ich &/
kein gezeter, gluecklich
sein."
Lanzendoerfer litt nicht nur an seinem Einzelgaengertum sondern auch
an der ihn
umgebenden Vormundschaft. Im Mai 1988 kam es in meiner pankower
Wohnung zu
einer Begegnung der dritten Art, als zwei Stasileute bei mir
auftauchten, um mich wegen
der Bizarre-Staedte-Herausgabe zu befragen und Lanzendoerfer, der
gerade bei mir
war, etwas verdutzt und augenzwinkernd gruessten: "Ach, Herr
Lanzendoerfer, Guten Tag!
" Woraufhin ich verdutzt fragte: "Sie kennen
sich?"
Der juengere erwiderte: "Kennen, ist gut gesagt! Was, Herr
Lanzendoerfer! Ich dachte,
Sie sind schon laengst weg!" - und spielte damit auf einen
inzwischen zurueckgezogenen
Ausreiseantrag Lanzendoerfers an. Es blieb still in meiner Kueche.
Die beiden Stasileute
wurden unsicher, wie immer nehme ich an, wenn ihnen die konspirative
Grundlage
genommen war: Ich schwieg, starrte sie an, Lanzendoerfer sass stumm
kippelnd auf
einem Stuhl, diese Stummheit dem Raum regelrecht aufzwingend. Nach
etwa fuenf
Minuten einer immer unertraeglicheren Stille standen die Stasileute
auf und gingen fort.
Diesen Terror der Stille - wie ich es nennen wuerde - kultivierte
Lanzendoerfer geradezu,
ja diese Art des Terrors gehoerte zu den beliebten
"Instrumenten", derer er sich bediente, um sich Spannung
in den sonst langweiligen und trostlosen Augenblick zu holen ("telepathie
eine leichtigkeit" schreibt er irgendwo); aehnliche Szenen, in
ganz anderen Zusammenhaengen, erlebte ich mit ihm immer wieder. Aber
er experimentierte - vor allem - an sich selbst und an allen um sich
herum, abstands- und kompromisslos.
Diese Rigorositaet naehrte seine Schreibmotivation und beeinflusste
natuerlich die
Methodik seines Schreibens: "er schlaegt auf den vergangenen
satz./ der satz bricht
zusammen, ersteht von neuem" - lese ich im Text "Unmoeglich
es leben", der dem
ganzen Buch den Titel gab, ein Titel, der heute so symbolistisch
wirkt, dass ich ihn gern
austauschen wuerde. Denn eigentlich passt er zu gut zu den
wehmuetigen und zugleich
abgehackten poetischen Bildern Lanzendoerfers.
Gruss aus Oesterreich - Asti
am 26.11.2003
© Asteris Koutoulas
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